blu prevent - Niko im Drugtalk

#27 Vollfrei – Niko von blu prevent im Drugtalk

Herzlich willkommen zu einer neuen Episode Sucht und Ordnung! Es ist die 27. Episode da gibt es einen Drugtalk mit niko von Vollfrei bzw. blu prevent. Ich freue mich riesig dass das geklappt hat. Wir kennen uns über Instagram, der Typ vom Viertelkollektiv hat die Verbindung hergestellt. Auf gehts. in die Fragen mit Niko von blu:prevent.

Zur Zeit is bei euch ja Fastnacht, Fasching oder Karneval?

Es ist ja auch verrückt was da abgeht, ich war als ich noch im Außendienst war mal zu Karnevalszeit in Mainz, die ganze Stadt ist voll mit Menschen. Gefühlt alle haben einen Sitzen.

Ja, ich habe auch schon über Vollfrei angeraten maßvoll zu konsumieren. Die ganze Stadt ist ne Party. Ich bin mit meinen Kids manchmal dort, tatsächlich haben nicht alle einen sitzen aber sind mittags noch gut unterwegs und abends geht es rund. Schon heftig auf jeden Fall.

Das glaube ich. Gerade wenn dann der Pegel erreicht ist, bei Alkohol gibt es viele die dann einen Kontrollverlust erleiden und dann auf der Straße so rum liegen. Also ich war schockiert und ich komme aus Berlin!

Ja das ist heavy, weil das auch Leute sind, die das ganze Jahr über gar nichts machen und dann ein Mal die Kuh fliegen lassen. Das gehört aber auch so ein bisschen dazu. Wir tun gut daran, wenn wir den Menschen Kanäle bieten wo sie auch mal die Kuh fliegen lassen können. Die Schwierigkeit ist halt, dass viele die das das ganze Jahr über machen, das das außer Kontrolle gerät. Das darf dann halt nicht passieren. Wir brauchen auf jeden Fall Orte wo man auch mal feiern kann und bei Fastnacht ist das halt extrem viel und extrem toll. Wer das nicht sehen will und nicht erfahren will, der geht halt besser nicht hin.

Niko, stell dich doch mal bitte kurz vor!

Roman, vielen Dank dass wir das heute machen können. Es ist mir total wichtig, denn es ist ja gut und schön dass wir Dinge tun als blaues Kreuz, das ist unser Dachverband aber das funktioniert nur dann wenn wir mit den Menschen im Gespräch sind, die da Interesse dran haben oder die es betrifft. Da sind dann Viertelkollektiv, Sucht und Ordnung oder Adriano ganz wichtige Partner für blu prevent.

blu prevent gibt es schon relativ lange. Zum Anfang analog mit Schulworkshops, Suchtprävention, Aufklärung über das Thema Sucht. Wir wollen die Kids in Bezug auf Suchtprävention soweit fit machen, dass sie selber erkennen, ob das was sie tun ihnen selber noch gut tut. Wenn wir an die Schulen gehen, dann sensibilisieren wir das Thema Sucht und klären überhaut mal auf das Sucht eine Krankheit ist und man die heilen kann. Auch ein bisschen Angst nehmen und enttabuisieren.

Vor knapp vier Jahren hat sich das Blaue Kreuz entschieden, wir müssen digitaler werden, wir müssen dort hin wo die Menschen auch tatsächlich sind und das ist das Internet. Ob wir das jetzt gut oder schlecht finden mit all seinen Risiken und Chancen. Wir haben eine App programmiert und Software für Fachkräfte programmiert, wie sie Workshops auch mal anders gestalten können und sind auf Social Media ziemlich intensiv unterwegs.

Das ist der digitale Part den wir machen, gleichzeitig haben wir aber auch noch viel Analoges, ganz oldshool. blu:prevent hat ein Buch raus gebracht, das Praxisbuch Suchtprävention (Roman besitzt es übrigens auch!) das war uns eine Herzensangelegenheit. Damit wollten wir ein Buch raus bringen, was sowohl die Fachkräfte als auch die Ehrenamtlichen anspricht, das die das auch nutzen können. Es ist nicht das wissenschaftlichste Buch aber man kriegt total coole Feedbacks von Fachkräften, Lehrkräften und Ehrenamtlichen, die einfach sagen: „Geil da verstehen wir so ein bisschen was ist Prävention und was ist eigentlich Sucht.

Wir kriegen Kontaktadressen und das drückt eigentlch auch am besten aus was blu prevent ist. Das wir eine Plattform bieten wollen für alle Menschen die zum Thema Sucht was machen wollen in deutschsprachigem Raum. Weil wir als blu prevent auch nach Österreich liefern und man glaubt es kaum, auch in die Schweiz, die ja suchtpräventiv total cool unterwegs sind.

Beeindruckend! Welche Rolle spielst du da?

Ich mache schon ewig Suchtprävention und hab vor zwei Jahren gedacht ich muss mal was neues machen. Da bestand schon der Kontakt zu Benni und zu blu:prevent und da hat Benni mich dann gefragt ob ich nicht Bock habe da mit einzusteigen. Das war der richtige Zeitpunkt. Da wo ich vorher gearbeitet hatte, ging viel aber so konnte ich einen Schritt weiter gehen. Dann habe ich da angefangen, bin jetzt zuständig für das Praxisbuch, muss gucken das da Content rein kommt, versuche immer Fachartikel an Land zu ziehen, geschrieben von Menschen die wirklich was zu sagen haben. Außerdem bin ich für Instagram zuständig, also den Socialmedia Bereich. Ich mache mit meinem Kollegen den Content für die App, bin nicht nur Sozialpädagoge sondern auch Contentmanager und mache Vertrieb.

Das ist ein bisschen Verrückt. Auch bin ich auf Schulungen für Lehrkräfte oder Präventionsleute sowie auf Tagungen unterwegs, Messestände usw. Noch einer meiner Schwerpunkte ist der Chat, über die App können Menschen mit uns in Dialog treten und ich muss gucken das wir ordentlich viele Chatmoderatoren haben, muss die bei Laune halten, muss gucken das der Chatbewegungsplan am laufen ist und mache auch selber den Chat. Ich schreibe relativ viel für unsere Verbandszeitschrift, weil ich das ganz gern mach und  bin im Redaktionsteam , hab verbandsinterne Aufgaben und für unser Projekt ganz viel zu tun.

Wie lange machst du schon Präventionsarbeit?

Ich mache ca 10 Jahre schon Präventionsarbeit und 15 Jahre als Sozialpädagoge unterwegs, was ja auch Prävention ist. Klettern gehen, raus gehen, Kanu fahren usw. Jetzt den Schwerpunkt Suchtprävention, vorher in einem Bundesland das sich um Mainz gruppiert, aktiv und jetzt Bundesweit. Suchtprävention ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Das bedeutet alle müssen daran im Rahmen ihere Möglichkeiten arbeiten.  Aber können/wollen das wirklich alle? Wie schafft man es, dass man jeden so mitnimmt, dass der sich dann auch wohl fühlt? Von einer Lehrkraft kann ich nicht erwarten das sie eine Suchtberatung macht mit einem jungen Menschen. Ich kann aber erwarten das sie ihn begleitet.

Auch der Jugendarbeiter, wenn der klettern geht, dann muss der wissen was dahinter steckt. Da können wir ganz viel tun. Wir haben großartige Strukturen in Deutschland. Diese sind zum Teil nur nicht vernetzt. Wir müssen von dem Punkt weg kommen wo das ne freiwillige Leistung ist, hin zu einer Pflichtaufgabe. Es gibt andere Länder, da hat die Jugendarbeit einen ganz anderen Stellenwert. Geh mal nach England oder Finnland, da hat der Sozialarbeiter noch ein ganz anderes standing. Da geht es nicht nur darum, wollen wir das als Kommune oder wollen wir das nicht? Da muss das gemacht werden! Und das ist wirklich Suchtprävention was da abgeht!

Genau. Skandinavien ist ja mit ganz vielen Sachen ganz vorne mit dabei. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und sagen es geht gar nicht um die Suchtprävention, weil soweit muss es ja gar nicht kommen wenn die Jugendlichen früh genug abgeholt werden und die Ziele groß genug sind und  Perspektiven da sind, dann kommt es ja gar nicht erst zu dem Schritt wo ich mich jetzt befinde.

Genau und man kann da wirklich gleich einen Schritt weiter gehen. In Potsdam ist eine Fachstelle, die heißt auch nicht mehr Fachstelle Suchtprävention sondern Fachstelle für Konsumkompetenz. Es geht in der Suchtprävention ja nicht unbedingt um das Thema Sucht sondern das Thema Menschen begleiten und stärken, Erfahrungsräume bieten, wo sie sich erleben können und daraus dann lernen können. Wenn ich mit Jugendlichen unterwegs bin, ist das nicht deren Thema. Es sei denn sie kommen aus einer Sucht belasteten Familie. Es geht ja wirklich darum: Wie kann ich mein Leben mit all dem Wahnsinn darin auf die Kette kriegen und kann mir selbst Strategien erarbeiten, mit diesem Wahnsinn umzugehen.? Das ist die Aufgabe von Suchtprävention.

Kannst du mir die Konstellation zwischen blu:prevent, Vollfrei, Blaues Kreuz etwas genauer erklären?

Es gibt in Deutschland 5 große Verbände der Suchtselbsthilfe. Menschen die sich mit dem Thema Sucht auseinandersetzten und sich in Gruppen treffen, Sportveranstaltungen etc. Das sind Betroffene, Angehörige wie auch immer. Das blaue Kreuz in Deutschland e.V. ist einer dieser 5 Verbände. Die Guttempler und der Freundeskreise sind zwei weitere.

Das BKD gibt es seit 130 Jahren aber es kommt ursprünglich aus der Schweiz. blu prevent ist eine Einrichtung des BKDs. Junge Menschen können mit dem Begriff blu prevent nicht viel anfangen. Mit Blue = blau vielleicht, wegen Alkohol, blau sein etc. Das „Prevent“ kam so ein bisschen daraus, dass wir das ganze als ein Event halten möchten und die Prävention sollte mit rein. Einen Jugendlichen interessiert so etwas natürlich weniger und so kamen wir dann auf diesen Claim #vollfrei, der so ein bisschen die junge Dialoggruppe abholen soll. Vollfrei trifft es gut, denn es geht ja um die absolute Unabhängigkeit, die man irgendwie nach Möglichkeit erreichen möchte. Ob es sie gibt ist eine andere Sache.

Für uns ist es neben den eigenen Initiativen sehr wichtig mit Multiplikatoren wie Viertelkollektiv oder dir zusammenzuarbeiten. Erstens weil ihr tolle Menschen seid aber auch weil ihr es erlebt habt und mit einer anderen Authentizität die Leute erreicht. Wenn du einen Beitrag wie letztens die Vorteile und Nachteile von Konsum und Abstinenz an den Start bringst, dann kann ich noch ein paar fachliche Anmerkungen geben und wir erreichen gemeinsam die Menschen und unterstützen uns so gegenseitig.

Wie ist denn das Blaue Kreuz ursprünglich entstanden?

Ein schweizer Pfarrer hat das damals gegründet. Du musst dir vorstellen, dass man vor ca. 130 Jahren nach der Arbeit eine Lohntüte bekommen hat, den so genannten Tagelohn. Auf dem nach Hauseweg waren allerdings, wie heute auch, ein paar Verlockungen. Viele Arbeiter haben den Lohn in den Kneipen gelassen, sind dort versackt und entwickelten eine Abhängigkeit. Der besagte Pfarrer hat das Problem erkannt und dachte sich, dass er dagegen etwas tun musste und hat sich für Aufklärung eingesetzt.

Kurz danach ging er nach England um sich mit den schon bestehenden „Präventionsangeboten“ auszutauschen. Dabei entstand der Begriff der solidarischen Abstinenz. Er sagte sich: Es gibt so viele Menschen mit Alkoholproblemen oder anderen Süchten und aus Solidarität verzichte ich jetzt einfach auch darauf!“ Darauf hin gründete sich das Blaue Kreuz.

Damals in der Industrialisierung war das echt heftig. Die Leute hatten etwas Geld aber tierisch viele Probleme und wenn Probleme da sind zzgl. Alkohol oder anderer Drogen, dann neigt man gerne dazu die Probleme zu vergessen. Das kennst du ja am Besten.

Wie erreicht ihr die Konsumenten bzw. die Abhängigkeitserkrankten?

Benni, Dirk und ich kommen da schwierig ran. Wir drei machen, bis auf die Schulworkshops und den digitalen Beriech, da nicht mehr so viel weil wir mittlerweile auch viel Administratives zu erledigen haben. An diesem kommen unsere 6000 Mitglieder aus dem Verband ins Spiel. Wir haben ein riesiges Netzwerk von Fachkräften von anderen Trägern und die sind alle „draußen“ unterwegs, quasi an forderster Front mit unserem Material. Das macht uns stolz. Wir haben festgestellt, dass wir nicht beides machen können weil wir sonst in Arbeit ersticken würden. Stell dir mal vor wir würden die Materialien bereitstellen und gleichzeitig mit den Kids unterwegs sein aber beides mit 100%. Das funktioniert leider nicht. Natürlich sind wir punktuell immer mal wieder mit draussen aber der Schwerpunkt liegt bei mir momentan auf Social Media und unserem Chat.

Kann man bei euch einfach eintreten wie in einem Verein?

Grundsätzlich schon. Es gibt ein paar Kriterien die man erfüllen muss aber ja klar. Man geht z.B. in die einzelnen Gruppen der Verbände, nimmt dort teil und nach einer gewissen Zeit (1 Jahr) kann man Mitgleid werden. Es bedeutet aber auch, dass man selbst abstinent leben muss. Es gibt aber auch die Möglichkeit des Freundschaftsstatus. Da muss man nicht abstinent leben. Also ich zum Beispiel habe den Status. ich lebe nicht abstinent aber ich war auch nie Betroffener. Die einzige Sucht war vlt. mal Sport. Ich trinke ab und zu Alkohol und habe halt den Freundschaftsstatus. Grundsätzlich kann jeder Mitglied werden.

Wie denkst du über Konsum?

Fakst ist in Deutschland wird konsumiert und zwar alles Mögliche. Ob die Kiste Bier im Tischtennisverein bzw. beim Angeln oder die verschiedensten Substanzen auf Punk-Rock oder HipHop Konzerten. Wir wollen auch aus Solidarität gegenüber unseren Partnern immer etwas vorsichtig sein und preferieren eher die Abstinenz aber die Grundsituation ist ja weiterhin vorhanden. Ich glaube ein gesunder Umgang mit Konsum (darunter zählt auch Internetkonsum, Gaming oder Kaufsucht) muss irgendwie erlernt werden. Innehalten bevor ich etwas tue, auf einander achten während Dessen und das Reflektieren nach dem Konsum.

Wenn das gelebt wird und tief in uns verankert wäre, dann könnte ich mir das vostellen. Nennt man dann Konsumkompetenz, der im Verband übrigenz auch besprochen wird. Wir sind uns ja darüber auch bewusst, dass Abstinenz, insbesondere für Abhängigkeitserkrankte, schön wäre aber in der Realität nicht überall umsetzbar ist. Dann doch gerne einen bewussten Umgang mit Konsum erlernen.

Arbeitet ihr mit der Drogenbeauftrageten zusammen?

Grundsätzlich arbeiten wir natürlich mit der Drogenbeauftragten zusammen. Wir wurden 2018 sogar mal Projekt des Monats und trafen uns mit Frau Ludwig. Da wird es in naher Zukunft auch wieder ein Zusammentreffen geben. Als Verband hat man ja einen gewissen Auftrag und so wird es in der Position der Drogenbeauftragten auch sein. Ich glaube sie kann sich nicht einfach hinstellen und Konsumkompetenz als Ziel ausrufen. Sie muss als Politikerin ja auch jedes Wort in die Wagschale werfen.

Ich merke aber, dass sich etwas bewegt. Entkrimminalisierung von Cannabis war unter der Vorgängerin von Frau Ludwig ein absolut rotes Tuch. Das konnte man nicht ansprechen aber mittlerweile kommen Themen wie Konsumräume und Safer Use auf einmal ins Gespräch. Es ist schonmal ein Fortschritt.

In einem Land wie Deutschland muss man das warscheinlich auch Scheibchenweise machen damit es ihr nicht um die Ohren fliegt. Stell dir vor du änderst von Heute auf Morgen das ganze System. Ich denke da ist der Gegenwind einfach zu stark, auch wegen der Verantwortung die sie trägt. Die Mühlen mahlen sehr sehr langsam aber wir sind im Dialog und das empfinde ich als das Wichtigste.

Wie ist deine Meinung zur Prohibitionspolitik?

Ich zitire da immer ganz gerne Kofi Annan. Der hat mal gesagt: The war on drugs is over! Das ist schon einige Jahre her. Dieser Krieg den wir gegen die Drogen führen, der funktioniert einfach nicht. Die Prohibition ist ja nix anderes als ein Krieg. Selbstverständlich muss es Regeln geben, gerade im Jugendschutz. Das ist unfassbar wichtig! Kiffen unter 18 Jahren ist einfach schieße. Ich weiß, es wird gemacht aber für einen selbst ist das einfach scheiße weil der Körper noch nicht voll entwickelt ist.

Das sind Sachen, die müssen gemacht werden aber die anderen Geschichten sorgen nur dafür, dass das ganze Thema in den Untergrung gerät. Beim Alkohol haben wir es doch eigentlich ganz gut gemacht. Es gibt klare Regularien um Spirituosen an den Markt zu bringen. Es gibt das Reinheitsgebot und es gibt auch gesellschaftliche Regelungen einfach weil wir den Umgang mit den Substanzen veruchen zu erlernen. In der Alkohol-Prohibition haben die Leute auch gesoffen aber jede Scheiße, die selbstgebrannt wurde und der Staat hatte keinerlei Kontrolle.

Konsum zu Strukturieren wird langfristig keine Steigerung zur Folge haben. Verbot alleine bringt es nicht und ich glaube auch nicht, dass ein Verbot es interessanter macht wie es ja immer heißt. Ganz ehrlich mit 15 ist Alkohol nicht interessanter geworden weil er verboten war. Prohibition führt nur dazu, dass wir nicht miteinander reden. Wenn man Umfragen in Schulen macht sieht man ganz gut, dass die Schüler erstmal 10 Minuten brauchen um warm zu werden und die Scheu zu verlieren. Dann aber kommt ein sehr interessantes Gespräch zu Stande, in dem selbst die Jugendlichen sagen, dass es für den Cannabiskonsum beispielsweise klare Regeln braucht. Mit einem Verbot macht man nur den Deckel drauf und das wars.

Welche Intension hattet Ihr das Praxisbuch Suchtprävention herauszubringen und gratis anzubieten?

In diesem Buch steckt extrem viel Arbeit. Die Intension dahinter war folgende. Wir wollen, dass die Leute das draußen verstehen:

  • Was ist eigentlich Sucht?
  • Wie tickt eigentlich die Jungend heute? Wie sind die so drauf?
  • Was ist morderne Suchtprävention
  • Wo finde ich Kontaktadressen?
  • Welche Methoden der Prävention preferieren wir?

Mit der Unterstützung einer großen deutschen Krankenkasse kann blu:prevent dieses Buch und die anderen Artikel zum Glück kostenfrei anbieten. Wir wollen natürlich ein wenig anregen. Die Leute sollen Lust auf das Thema Sucht bekommen um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, den erhobenen Zeigefinger wegstecken und mal fragen: Wie geht es dir eigentlich? Suchtprävention ist weit mehr als im Unterricht den Film Christiane F. zu zeigen und damit zeigen zu wollen wie böse das Alles ist. Wir müssen in die Kommunikation kommen und das Thema Sucht etwas entdramatisieren. Auch ist uns wichtig, dass die Menschen verstehen, dass Scuht eine Krankheit ist. Die Gute Nachricht: Die Krankheit ist heilbar wenn ich als Betroffener es auch will. Das war der Hintergrund warum wir dieses Buch an den Start gebracht haben.

Ihr empfehlt Schulungsfilme wie z.B. die grüne Brille oder bin ich süchtig. Kann jeder diese Filme downloaden?

Nein, die sind nicht downloadbar für jeden. Wir Arbeiten mit dem Medienprojekt Wuppertal zusammen, das Blaue Kreuz kommt ja auch aus Wuppertal, und mit denen arbeiten wir schon länger zusammen weil die Filme alle von jungen Menschen oder jungen Erwachsenen sind. Die Filme kann man sich dort ausleihen und die sind einfach ein wenig aus einer anderen Perspektive. Du hast den Film „Die grüne Brille“ angesprochen und der wirkt schon fast motivierend. Deshalb braucht es auch immer Begleitung dazu. Die Filme sind tatsächlich pädagogisches Arbeitsmaterial und darum ist es auch ganz gut, dass sie nicht einfach so zum Download verfügbar sind. Ein paar Filme sind sehr klar. Das kann man nicht zwischen den Zeilen lesen. Das Medienprojekt Wuppertal ist auf jeden Fall ein tolles Projekt.

Hast du schonmal konsumiert?

Wenn man Alkohol mit rein nimmt, was man ja sollte, dann ja. Ich hab aber nie mehr gemacht. Wir waren früher in unserer Clique immer der Ansicht, dass alles was nicht natürlich ist nicht von uns konsumiert werden sollte. Eventuell hatte ich auch Angst davor. Zwischen 15 und 18 jahren haben wir kräftig gefeiert. Da wurde schon viel gesoffen aber die zweite Regel war: Nur am Freitag und am Samstag, nie alleine und auch nicht am Morgen. Außerdem konnte ich mit einem Brausekopf meinen Sport nicht ausüben.

Deshalb habe ich diese Regeln immmer eingehalten und auch ein wenig nach dem Motto: My body is my temple! In meinem Umfeld wurde allerdings Alles konsumiert. Wirklich von A-Z. Das war Anfang der 90er als die Pillenzeit losging. Für mich persönlich war es verwirrend denn wenn du derjenige bist, der nur ein bis zwei Bier getrunken hat, dann hab ich überhaupt nicht mehr verstanden was bei den Anderen abging. Ich war tatsächlich um 3 Uhr dann irgendwann mal müde während die Anderen dann erst richtig losgelegt haben.

Gibt es das Komasuafen noch? Du bist ja nah an der Jugend dran.

Gegenfrage: Wie definierst du Komasuafen?

Na so 56 Tiquilia-Shots einfach so!

Sido in „Augen auf“

Das wäre tatsächlich ins Koma gesoffen. Das Thema ist auch total spannend denn auch dort gibt es statistische Werte die besagen was Komasaufen ist. Wissenschaftlich betrachtet ist Komasaufen: 5 Alkoholeinheiten bei einer Trinkgelegenheit einmal im Monat. Also wenn ich an meine letzte Party denke auf der ich war hab ich bestimmt 3 Gläser Wein und vlt. noch 2 Bier getrunken. Statistisch gesehen habe ich dort Komasaufen betrieben, was in der Praxis natürlich nicht der Fall war. Deshalb muss man statistisch gesehen auch sagen, dass es noch Komasaufen gibt. Auch die Art, die du beschreibst gibt es und die nimmt leider auch ein wenig zu. Das liegt vorwiegend an den Mixgetränken.

Die Alkoholindustrie hat vor einiger Zeit festgestellt, dass junge Frauen „zu wenig“ trinken und dann Getränke mit Alkohol plus dem zweiten Suchtmittel Zucker entwickelt und auf den Markt gebracht. Damals haben wir das auch gemacht, Vodka Cola oder Whiskey Cola aber wir haben es nocht selbst zusammengemischt und heute bekommst du es halt fertig. Trotzdem möchte ich hervorheben, dass die Masse der Jugendlichen Alkohol mittlerweile wesentlich bewusster konsumiert als wir damals und eben kein Komasaufen betreibt.

Was möchtest du (vlt. im Namen von blu:prevent) den Hörern von Sucht und Ordnung zum Abschluss mit auf den Weg geben?

Ganz viel! Also erstmal möchte ich ich raten unabhängig zu bleiben, be independent. Tut Dinge die euch gut tun denn das sind die Dinge die euch am Leben halten. Pflegt zwischenmenschliche Beziehungen und tauscht euch konstruktiv aus. Dominik Forster hat das mal ganz gut gesagt: „Seid leidenschafftlich und sucht eure Leidenschafften, die keine Leiden schaffen!“ Ein leidenschafftlicher Mensch ist ja berauscht von dem was er tut und das reicht ihm ja schon. Wenn man dann doch mal konsumieren will dasnn achtet auf das Innehalten vor dem Konsum, achtet aufeinander während des Konsums und danach reflektieren ob das wirklich gut war und ob man das nochmal machen will.

Zu guter Letzt wünsche ich mir mehr Menschlichkeit. Abhängige sind keine Assis sondern Menschen die Probleme haben bzw. hatten und die einfach auf diese Weise verarbeitet haben oder noch gar nicht verarbeitet haben. Wir sind alle Menschen und es hilft überhaupt nichts sich gegenseitig zu verurteilen.

Beste Grüße, Roman

Ps: Das vollständige Interview mit einpaar sehr interessanten Abschweifungen könnt ihr gerne oben im Player hören.

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