Clean bleiben

#26 Clean bleiben vs. Konsum – Vorteile und Nachteile

In der heutigen Episode nehme ich euch wieder mit in meine Therapie. In der letzten Gruppensitzung war ich der einzige, der teilgenommen hat, 90 Minuten Input für mich allein. Das war anstrengend aber auch sehr gut, weil ich natürlich noch mehr mitnehmen konnte als normalerweise. Das Thema war Vorteile und Nachteile vom Clean bleiben und Konsum. Ich bitte euch, die das hier lesen, zu berücksichtigen, dass es sich im Folgenden um meine persönlichen Vorteile bzw. Nachteile handelt und wenn ihr Lust habt, macht doch einfach mit. Holt euch gerne etwas zu Schreiben und notiert euch eure Vorteile und eure Nachteile. Es ist absolut möglich, dass Schnittmengen zu euren Erfahrungen entstehen. Das ist normal und das ist gut.

Vorteile von Konsum

Nichtkonsumenten denken an dieser Stelle eventuell: Was kann denn Konsum für Vorteile haben? Drogen machen dein Leben kaputt! Oft kommen diese Stimmen von Menschen die selbst Drogen konsumieren ohne es zu wissen (z.B. Alkohol und Zigaretten). Diese schwarz oder weiß Sicht der Thematik ist selbstverständlich genauso ein Schwachsinn wie zu sagen Drogen hätten nur gute Seiten.

  • Für mich als Asthmatiker hatte das Kiffen immer den Vorteil, dass ich in den ganzen Jahren mit Cannabis keinen einzigen Asthmaanfall hatte. Als Kind hatte ich diese regelmäßig. Meine Großeltern und meine Mom dachten dauernd, ich würde daran verrecken.
  • Man ist bei vielen Drogen leistungsfähiger. Also man kann länger wach bleiben und länger feiern. Oft war das bei mir die Intension. Entweder mehr leisten zu können auf der Arbeit oder länger saufen zu können.
  • Das Gefühl von Zugehörigkeit empfinde ich auf jeden Fall als Vorteil. Gerade in jüngeren Jahren will man noch mehr Teil der Gruppe sein damit man Anschluss hat. Wenn man dann mitkonsumiert wird man akzeptiert. Nicht Teil einer Gruppe zu sein bedeutete früher den sicheren Tod. Ich glaube deshalb ist dieser Drang ganz tief in uns verwurzelt.
  • Was ich selbst noch als Vorteil erachte ist, die Welt aus einer anderen Perspektive zu sehen. Gerade in den Anfangszeiten des Konsums wurde ich immer sehr philosophisch auf Gras aber auch auf Kokain (die berühmten Laberflashs).
  • Besonders auf LSD und Pilzen betrachtete ich die Welt aus einer ganz anderen Sicht. Da hab ich begriffen wie klein wir in diesem Universum sind und dass es eigentlich nur darum geht im Hier und Jetzt zu sein. Das zu erkennen war einer der größten Vorteile für mich. Ohne Drogen tue ich mich mit diesem Punkt sehr schwer.
  • Nicht fühlen und funktionieren zu müssen empfand ich auch immer als Vorteil. Streitigkeiten waren weg genau wie negative Emotionen.
  • Drogen wirken schnell und sicher um sich aus einer Situation zu entfernen. Das ist nur ein gefühlter Vorteil gewesen eigentlich ist es nur das Bekämpfen von Symptomen.
  • Konsumenten sind gut vernetzt. Das soziale Gefüge ist größer.
  • Rausch macht Spaß. Das ist ein Vorteil. Ich wollte Spaß haben und glücklich sein und Rausch hat das möglich gemacht.
  • Konsum regt das Belohnungszentrum an. Wenn ich etwas Gutes gemacht habe wollte ich belohnt werden aber wenn Niemand da ist, der dich belohnt oder lobt, dann habe ich es immer als Vorteil empfunden zu konsumieren. Das war meine Belohnung. Ihr kennt das evtl. mit Junkfood nach einem harten Arbeitstag.
  • Ein Vorteil den ich nicht außer Acht lassen möchte ist Sex auf Drogen. Es kann eines der intensivsten Gefühle überhaupt sein einen Orgasmus auf Stoff zu haben. Allerdings kann der Konsum hier schnell zum Nachteil werden denn wenn man zu viel intus hat, kann es sein das dein kleiner Freund kein Bock mehr hat. Stichwort: Kokspimmel.

Nachteile von Konsum

Jede Medaille hat zwei Seiten und somit hat Konsum natürlich auch Nachteile. Meine persönlichen Nachteile sind folgende:

  • Wir hatten ja eben schon den Punkt, dass bei Überkonsum die Funktionalität des Penis eingeschränkt sein kann. Ein weiterer Nachteil ist, wenn du viel und regelmäßig konsumierst, dann schwindet auch die Lust auf Sex immer mehr.
  • Die daraus resultierende Versagensangst kann Depressionen auslösen.
  • Krasser Nachteil ist der „Kater“ am nächsten Tag. Kennst du den Satz: „Ich trinke nie wieder“?
  • Ein weiter Nachteil war für mich Stressanfälligkeit. Ich habe immer am Limit gearbeitet und wenn dann noch eine Kleinigkeit dazu kam, war ich fertig mit der Welt.
  • Arbeitsausfall durch Konsum. Irgendwann holt sich der Körper die Energie zurück, die er beim Konsum verbraucht hat.
  • Ein großer Nachteil ist der Kontrollverlust. Gerade bei gierig machenden Drogen wie Kokain galt für mich immer: „Nur noch eine Line!“ bis die Kapsel leer ist. Genau dasselbe bei Alkohol.
  • Reue bzw. Schuldgefühle sind Gefühle die heute hochkommen weil ich Dinge getan hab um an Stoff zu kommen. Diese Beschaffungsaktivitäten sind auf jeden Fall ein riesiger Nachteil. Nehmen wir mal eine kleinere Sünde als Beispiel, Fahrraddiebstahl.
  • Die Finanzen als Konsument von Substanzen sind einfach schlecht wenn man die Kontrolle verloren hat. Ich habe locker ein Einfamilienhaus für Drogen (legal und illegal) ausgegeben.
  • Ein weiterer Nachteil ist das Thema Lügen oder Verheimlichen. Nichts sagen ist übrigens auch wie Lügen. Ich habe meiner Verlobten fast 7 Jahre nicht erzählt, dass ich konsumiere. Ein Vertrauensbruch, den ich mir nur ganz schwer vielleicht irgendwann mal verzeihen kann.
  • Mangelhafte Körperhygiene möchte ich nicht unerwähnt lassen. Gerade wenn man Chemie konsumiert hat riecht man oft sehr streng und vernachlässigt die Hygiene.
  • Arztbesuche werden oft vernachlässigt.
  • Die Ernährung ist meistens alles andere als gut. Meine Ernährung bestand zu 90 Prozent aus Junkfood.
  • Konsum schafft neue Konflikte. Unausgesprochene Dinge können schnell zu großen Problemen werden und beenden zwischenmenschliche Beziehungen.
  • Einer der größten Nachteile ist für mich das heimliche Konsumieren. Niemand darf es wissen und so ballert man heimlich… eben wie ein Junkie.

Nachteile clean bleiben

Auch Abstinenz kann bestimmte Nachteile haben. Diese sind für Außenstehende oft nicht nachvollziehbar aber für Ex-User absolut existent.

  • Abstinenz gibt mir das Gefühl angreifbar zu sein. Auf Drogen waren mir oft andere Meinungen egal.
  • Wenn du Jahrzehnte lang deine Gefühle mit Substanzen abgetötet hast kommen diese in der Abstinenz wieder hoch und ich muss lernen damit umzugehen. Unkontrolliertes Weinen durch Filme oder weil mich jemand lobt ist z.Z. nichts Seltenes. Ich empfinde das als Nachteil weil ich damit noch nicht umgehen kann.
  • Seit ich nicht mehr konsumiere fresse ich viel mehr und dadurch werde ich fetter.
  • Durch die Abstinenz bin ich aktuell nicht arbeiten was wiederum weniger Geld bedeutet. Aber für die Therapie und mich selbst will ich einfach nicht parallel arbeiten weil ich so schnell in Stresssituationen gerate, die ich noch nicht kontrollieren kann.
  • Weniger soziale Kontakte durch Abstinenz. Viele von meinen alten Kontakten waren selbst Konsumenten und ich kann bzw. möchte mich nicht in Risikosituationen begeben.
  • Enttäuschung von Freunden empfinde ich als Nachteil. Manche Freunde brechen den Kontakt ab weil ihnen ihr Konsum wichtiger ist als die gemeinsame Freundschaft. Das ist mega frustrierend.
  • Durch die Abstinenz bin ich verkopfter. Ich mach mir viel mehr ne Platte über alles Mögliche.
  • Die Ungewissheit ob ich es überhaupt schaffe abstinent zu bleiben empfinde ich als immensen Nachteil. Diese Ungewissheit ob ich das durchziehen kann macht mir Angst.

Vorteile vom Clean bleiben

Selbstverständlich bringt ein normales Leben ohne Rausch für einen Abhängigen eine Menge Vorteile mit sich. Im Folgenden meine aktuelle Empfindung dazu.

  • Ich kann das was ich in meiner Therapie und in der Abstinenz lerne an euch weitergeben. Das erste Mal hab ich das Gefühl etwas zurückzugeben ohne primär dabei in meine eigene Tasche zu wirtschaften.
  • Die körperliche Gesundheit steigt. Ich war mal wieder beim Zahnarzt und auch die Ernährung ist geregelt. Das ist das nächste große Thema. Wie kann ich mich dahin weiterentwickeln einfach ein guter Mensch zu sein?
  • Ich hab viel mehr Zeit in der ich etwas tun kann. Ein riesiger Vorteil.
  • Ich spare Kohle weil ich keine Drogen mehr kaufe. Somit kann ich investieren statt konsumieren. Ich will nicht irgendwann aus dem Leben scheiden und auf einen Junkie zurückschauen.
  • Neue Aktivitäten wie zum Beispiel der Podcast, mehr erleben wollen, Spazieren gehen, einfach Selbstfürsorge zu betreiben.
  • Ich lerne wieder zu mehr Vertrauen. Natürlich werde ich meine gesunde Skepsis nicht an den Nagel hängen aber man muss auch nicht gleich jeden als Feind sehen.
  • Ich kann die Maske fallen lassen. Gerade im Arbeitsleben trägt man fast immer ne Maske und ich habe mit der Abstinenz beschlossen: KEINE MASKE MEHR! Wenn mich jemand fragt wie es mir geht antworte ich nicht reflexartig, dass Alles in Ordnung sei. Wenn es gut ist, ist es gut und wenn nicht, dann wird man das in Zukunft auch von mit hören.
  • Ich lerne neue Strategien mit meinen Gefühlen und Emotionen umzugehen. Rausch zählt nicht mehr zu den Strategien sondern erstmal von oben auf die Situation schauen und dann überlegen wie es mir geht.
  • Ich muss mich nicht mehr verstecken wie so ein Junkie. Ein riesiger Vorteil über den ich mich sehr freue. Nicht nur für mich sondern auch für meine Verlobte, die jetzt auch weiß woran sie ist zu 100%. Sie hat es nie verdient angelogen zu werden und das wird so auch nie wieder vorkommen.
  • Zu guter Letzt will ich in der Abstinenz die familiären Differenzen klären. Ich rede wieder mehr mit meiner Mom. Wir streiten uns eigentlich kaum noch im Gegensatz zu Früher und das finde ich schön.

So, ich hoffe du konntest aus der Episode etwas für dich mitnehmen. Wenn du Lust hast mir dein Feedback hierzulassen, fühl dich frei und nutze das Kommentarfeld. Wenn du selbst deine Vorteile und Nachteile vom Clean bleiben auflisten willst um dir einen Überblick zu verschaffen und die Community teilhaben lassen möchtest, dann schreib mir gerne an info@suchtundordnung.com und sei als Autor zu Gast auf dieser Webseite.

Beste Grüße, Roman

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